Nachgründerzeit

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Chiara Lubich (1920-2008): Gründerin und 1. Präsidentin der Fokolar-Bewegung

Was bedeutet „Nachgründerzeit"?

Der Begriff bezeichnet die Phase, die eintritt, nachdem die charismatische Gründerperson einer religiösen oder sozialen Bewegung gestorben ist. Bei den Fokolaren war das Chiara Lubich (1920–2008), die die Bewegung 1943 in Trient gründete und sie über sechs Jahrzehnte prägte.

Die Nachgründerzeit ist eine klassische Schwellenphase, die Soziologen – seit Max Weber (1864-1920) – als „Routinisierung des Charismas“ beschreiben: Das persönliche, oft unwiederholbare Charisma der Gründerfigur muss in zeitgemäße Strukturen, Texte, Traditionen und Institutionen überführt werden – oder die Bewegung verliert ihre Dynamik.

Besonderheiten der Fokolar-Bewegung

  • Gegründet 1943 in Trient, heute in über 180 Ländern präsent
  • Stark auf Chiara Lubichs Person und ihre Spiritualität der Einheit ausgerichtet
  • Ökumenische und interreligiöse Ausrichtung
  • Laienorientiert, aber eng mit der römisch-katholischen Kirche verbunden
  • Präsidentinnen: María Voce (2008–2021), dann Margaret Karram (seit 2021)
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Papst Leo XIV.: klare Botschaft an die Fokolar-Bewegung in Bezug auf die Nachgründungsphase, in der sich die Bewegung befindet.

„In dieser Zeitphase müsst ihr gemeinsam erkennen, welche Aspekte eures gemeinsamen Lebens und eures Apostolats wesentlich sind und daher beibehalten werden müssen, und welche Instrumente und Praktiken, obwohl seit langem in Gebrauch, dagegen für das Charisma unwesentlich sind oder sich als problematisch erwiesen haben und daher aufgegeben werden müssen.“

Papst Leo XIV. an die Teilnehmer der Generalversammlung, 21.03.2026

Die Botschaft Leos XIV. an die Fokolare

ist sowohl wohlwollend als auch anspruchsvoll. Er bestätigt die Legitimität der Bewegung und ihres Charismas – stellt aber unmissverständlich klar, dass die Nachgründerzeit aktive Selbstreform verlangt: Problematische Praktiken müssen benannt und aufgegeben, Transparenz muss strukturell verankert werden. Das ist päpstlicher Rückenwind und Hausaufgabenheft zugleich.

Die wichtigsten Punkte

Wertschätzung und Ermutigung

Leo XIV. drückte seinen Dank für die Früchte der Bewegung aus und würdigte jene Mitglieder, die weltweit in einem Leben des Gebets, der Arbeit, des Dialogs und der Evangelisierung dem apostolischen Lebensmodell der ersten christlichen Generationen folgen.

Klare Benennung der Nachgründerzeit

Er betonte, dass sich die Bewegung in einer entscheidenden Nachgründungsphase befinde – einer Phase, die nicht mit dem ersten Generationswechsel nach dem Tod der Gründerin endet, sondern sich noch darüber hinaus erstreckt.

Konkrete Reformforderungen

Die Bewegung müsse gemeinsam erkennen, welche Aspekte des gemeinsamen Lebens und des Apostolats wesentlich sind und daher beibehalten werden müssen, und welche Instrumente und Praktiken – obwohl seit langem in Gebrauch – für das Charisma unwesentlich sind oder sich als problematisch erwiesen haben und daher aufgegeben werden müssen.

Forderung nach Transparenz

Er forderte ein hohes Maß an Transparenz seitens der Verantwortlichen auf allen Ebenen. Transparenz sei eine Voraussetzung für Glaubwürdigkeit, aber auch eine Verpflichtung, da das Charisma eine Gabe des Heiligen Geistes sei, für das alle Mitglieder verantwortlich sind.

Einheit ohne Uniformität

Leo XIV. rief dazu auf, das „Gift der Spaltung und Konflikte“ in der Gesellschaft zu bekämpfen, und ermutigte die Mitglieder, durch Einigkeit, Dialog, Vergebung und Frieden ein Gegengewicht gegen viele „Säer des Hasses“ zu sein.

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Margaret Karram, Präsidentin der Fokolar-Bewegung

„Die Bekehrung, zu der uns der Papst aufruft, beginnt mit einer persönlichen Änderung der Denkweise; es geht also nicht nur darum, Strukturen oder Institutionen zu reformieren.

Im Mittelpunkt steht die Art und Weise, wie wir Beziehungen gestalten, die Achtung der Würde des Menschen und die richtige Ausübung von Verantwortungsrollen, die als Dienst verstanden werden.“

Margaret Karram, L´Osservatore Romano, 26.03.2026

Die zentralen Herausforderungen

1. Charisma-Transfer

Wie wird das Charisma Chiara Lubichs lebendig gehalten, ohne zur bloßen Erinnerungskultur zu werden und zu erstarren? Die Gefahr liegt sowohl in der Schrumpfung auf Nostalgie als auch in einem unkritischen Kult um die Gründerin.

2. Institutionalisierung vs. Lebendigkeit

Strukturen, die früher organisch entstanden, müssen nun bewusst gepflegt und weiterentwickelt werden – ohne die spirituelle Ursprungsdynamik zu ersticken.

3. Aufarbeitung von Missbrauch

Dies ist eine der drängendsten Herausforderungen: Seit einigen Jahren werden Fälle spirituellen und psychologischen Missbrauchs innerhalb der Bewegung öffentlich thematisiert. Ehemalige Mitglieder berichten von totalitären Strukturen, Unterdrückung von Kritik und mangelnder Transparenz. Die Bewegung ist in allen Bereichen gefordert, dies ernsthaft aufzuarbeiten.

4. Generationenwechsel

Junge Menschen heute schließen sich anderen als den klassischen kirchlichen Bewegungen an. Die Fokolare stehen vor der Aufgabe, eine neue Sprache und jugendgemäße Formen zu finden, ohne die Substanz aufzugeben.

5. Internationalität und Einheit in Vielfalt

Was in einem europäisch-christlichen Kontext gewachsen ist, muss in Lateinamerika, Afrika oder Asien kontextuell weiterentwickelt werden – ohne den inneren Zusammenhalt der Bewegung zu verlieren.

6. Verhältnis zur sich wandelnden römisch-katholischen Kirche

Dies gilt es, neu zu verorten. Die Menschen in der Fokolar-Bewegung stehen vor der Frage, welche ihrer Strukturen und Selbstverständnisse aus den 1950er–80er Jahren stammen und heute nicht mehr tragen – und was der bleibende Kern ist, der auch in einer nüchterneren, synodaleren, kritischeren Kirche glaubwürdig wirkt.

7. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit

Die „Wirtschaft der Gemeinschaft“ (WDG) als konkretes Wirtschaftsprojekt der Fokolaren muss ohne den unmittelbaren Impuls der Gründerin institutionell und motivational getragen werden.

Was bedeutet „veränderte kirchliche Landschaft"?

1. Die Ära der großen Bewegungen ist vorbei

Die Fokolare entstanden in einer Zeit (1940er–80er Jahre), in der kirchliche Laien-Bewegungen als Aufbruch und Hoffnung galten – neben ihnen entstanden Opus Dei, Comunione e Liberazione, die Charismatische Erneuerung, Schönstatt oder der Neokatechumenale Weg. Alle hatten großen Zulauf.

Heute ist das anders: Junge Menschen schließen sich seltener solchen organisierten Bewegungen mit fester Mitgliedschaft an. Die Bindungsbereitschaft ist gesunken – auch in den Kirchen.


2. Das Missbrauchsthema verändert alles

Die Fokolare sind nicht die einzige Bewegung, die mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert ist. Auch Comunione e Liberazione, der Legionäre Christi und andere haben schwere Krisen durchgemacht. Die Glaubwürdigkeit von geistlichen Gemeinschaften steht auf dem Spiel.

Das verändert den Kontext: Was früher als geistliche Intensität galt, wird heute kritischer betrachtet.


3. Synodalität als neues Leitbild

Unter Franziskus – und weiter unter Leo XIV. – hat die Kirche Synodalität als Prinzip gestärkt: Entscheidungen sollen partizipativer, transparenter, dezentraler werden. Das stellt Bewegungen vor eine Frage: Wie synodal sind sie intern eigentlich selbst? Die Fokolare haben traditionell eine starke Zentrierung auf das internationale Zentrum in Rocca di Papa – das passt nicht automatisch zum synodalen Kirchenbild.


4. Die Ökumene hat sich verändert

Die Fokolare waren Pioniere des ökumenischen Dialogs. Aber auch hier hat sich die Landschaft gewandelt: Ökumene ist heute weniger euphorisch und mehr nüchtern-pragmatisch. Große Durchbrüche bleiben aus. Wie bleibt die fokolarische Einheitsspiritualität motivierend, wenn strukturelle Einheit der Kirchen in weiter Ferne liegt?


5. Verhältnis zu anderen Bewegungen und zur Pfarrei

Früher wurden Bewegungen oft als Elite-Einheiten der römisch-katholischen Kirche gesehen – dynamisch, missionarisch. Heute betont die römisch-katholische Kirche stärker die Ortsgemeinde und Pfarrei als Grundzelle. Bewegungen sollen dienen, nicht parallel laufen. Das erfordert eine Neujustierung der Rolle.

Text mit Unterstützung von Claude, die KI-Sprachmodul von Anthropic, erstellt.