Wandel

Herausforderungen gibt es in der Fokolar-Bewegung – gut 80 Jahre nach ihrer Gründung und 18 Jahre nach dem Tod ihrer Gründerin Chiara Lubich – einige.

Im Kern dreht sich alles um die Frage, wie ein Leben der „Einheit“ heutzutage aussieht.
Lorna Gold, die den Lebensstil der „Einheit“ als Kind kennenlernte, hat diese Herausforderung zum Motor ihres Lebens gemacht.

Bei der vergangenen Generalversammlung der Fokolar-Bewegung erzählte sie diese Geschichte.

Foto: csc audiovisi

Dr. Lorna Gold

Geschäftsführende Direktorin der christlichen Umwelt-Bewegung „Laudato Si'“

„Ich bin in Schottland aufgewachsen. Als ich sechs Jahre alt war, traf eine Tragödie unsere Familie. Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall. Sechs Monate zuvor hatten wir unsere Großmutter verloren. Dann brannte unser Haus ab. Meine Mutter, gerade achtunddreißig Jahre alt, stand allein da – mit vier kleinen Kindern und fast nichts, womit sie weitermachen konnte.“

„Ein solches Leid hat die Kraft, auch den stärksten Menschen zu brechen – oder ihn zu verwandeln.“

„In jener Zeit begegnete meine Mutter der Fokolar-Gemeinschaft, die erst kurz zuvor nach Schottland gekommen war. Und mitten im Schmerz und in der Instabilität entdeckte sie etwas Außerordentliches: eine lebendige Erfahrung von Einheit. Eine Gemeinschaft, die keine einfachen Antworten bot, aber Gegenwart und echte Nähe schenkte. Eine Spiritualität, die ihr half, einen Sinn in ihrem Schmerz zu entdecken – Jesus, der Verlassene, die zur Person gewordene Liebe inmitten der Verwüstung – und nicht vor ihm zu fliehen.“

„Dank dieser Begegnung und der radikalen Antwort meiner Mutter habe ich gelernt, was es bedeutet, die Hoffnung zu wählen.“

Gemeinsam beteten wir für sehr konkrete Dinge – Essen, Hilfe, Schulkosten – und erlebten eine Folge von Wundern. Kleine Fügungen der Vorsehung. Zeichen der Liebe Gottes. Von jenen, die eine Familie tragen. Von jenen, die eine Weltsicht formen.

Diese Erfahrung der Gemeinschaft – des täglichen Lebens mit Jesus in unserer Mitte – hat mich für immer geprägt. Sie hat mir gelehrt, dass Einheit nicht nur eine Idee ist. Sie hat mir einen unerschütterlichen Glauben an die Liebe Gottes geschenkt. Ich habe verstanden, dass dieser Glaube manchmal bedeutet, überleben zu können. Er gibt Kraft. Er ist der Weg, dem man folgt, wenn alles zu brechen scheint.“

Dr. Lorna Gold – Vita

Herkunft & akademischer Werdegang

Dr. Lorna Gold stammt ursprünglich aus Schottland und hat sich von früher Jugend an leidenschaftlich für Klimagerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung eingesetzt. Sie promovierte in Wirtschaftsgeographie an der Universität Glasgow. Ihre Dissertation wurde als The Sharing Economy veröffentlicht – und gilt als die erste wissenschaftliche Arbeit überhaupt, die den Begriff „Sharing Economy“ geprägt hat.

Berufliche Stationen

Sie ist Spezialistin für internationale Entwicklung und arbeitete fast zwei Jahrzehnte in akademischen und NGO-Kontexten. Zehn Jahre lang leitete sie das Policy-, Forschungs- und Advocacy-Team von Trócaire, der irischen katholischen Entwicklungsorganisation.

In ihrer Rolle bei Trócaire trieb sie eine wegweisende Kampagne voran, um irische Kirchen- und Staatsgelder aus Investitionen in fossile Brennstoffe abzuziehen.

Anschließend war sie vier Jahre lang bei FaithInvest tätig – zunächst als Director of Movement Building, dann als Interim-CEO. Diese Organisation setzt sich für ethische Investitionen von Glaubensgemeinschaften ein.

Engagement bei Laudato-Si‚-Bewegung

Sie war von Anfang an an der Entstehung der Bewegung beteiligt. Als bekannt wurde, dass Papst Franziskus eine Enzyklika über die Umwelt schreiben würde, wollten sie und einige Mitstreiter sicherstellen, dass diese nicht ungehört bleibt. Es begann mit einer Feier auf dem Petersplatz zur Ankündigung der Enzyklika, gefolgt von einer Petition zur COP21 in Paris, die eine Million Unterschriften sammelte.

Seit Februar 2025 leitet Dr. Gold das Laudato-Si‘-Movement als Executive Director. Zuvor hatte sie sieben Jahre lang ehrenamtlich im Board of Directors mitgewirkt.

2025 war für die Bewegung ein besonderes Jahr: Es war das 10. Jubiläum der Enzyklika Laudato Si‘ und zugleich ein Heiliges Jahr in der katholischen Welt.

Publikationen & weiteres Engagement

Dr. Gold hat zahlreiche Bücher, Fachzeitschriften, Berichte und wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Ihr bekanntestes Buch Climate Generation – Awakening to our Children’s Future erzählt ihre persönliche Geschichte als Mutter und Aktivistin, die die Klimakrise als existenzielle Bedrohung für die nächste Generation erkennt.

Privat

Lorna Gold ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebte in Maynooth, Irland.

Text: mit Unterstützung von Claude, dem KI-Sprachmodul von Anthropic, erstellt.

Als junge Frau erhielt ich auch das Geschenk einer jesuitischen Ausbildung. Diese hat mich auf eine andere Weise geprägt. Sie lehrte mich, kritisch zu denken. Tief zu hinterfragen. Glauben und Vernunft zusammenzuhalten. Keine Angst vor Komplexität zu haben und Widersprüche mit Leichtigkeit und Demut auszuhalten.“

„Es war wirklich ein Segen.“

„Das Charisma der Einheit lag mir stets am Herzen. Aber ich spürte auch das Bedürfnis, es tief zu verstehen – nicht nur emotional, sondern auch intellektuell. Wie antwortet es auf die Wunden unserer Zeit? Wie verhält es sich zu den strukturellen Ungerechtigkeiten unserer Welt? Gibt es Situationen, in denen andere Ansätze oder andere Antworten notwendig sind?

Als die Wirtschaft der Gemeinschaft 1991 ins Leben gerufen wurde, war ich davon fasziniert. Hier war ein konkreter Ausdruck von Gemeinschaft, der Konsumismus und Ungleichheit herausforderte. Ich widmete mein Promotionsstudium diesem Thema und verbrachte Zeit in Brasilien sowie hier in Rom in den Archiven der Bewegung. Was mich beeindruckte, war, wie zutiefst kulturell jener Vorschlag war. Die Kultur des Gebens. Es ging nicht nur um Unternehmen. Es war eine andere Denkweise – ein anderes Verhältnis zu Gütern, zu Reichtum, zu uns selbst.“

„Und schon damals begann ich, etwas Größeres zu sehen.“

„Ich begann zu erkennen, dass in der Spiritualität der Gemeinschaft alles enthalten ist, was wir brauchen, um die ökologische Krise anzugehen. Die Umkehr des Lebensstils. Das Gefühl gemeinsamer Verantwortung. Das Verständnis, dass nichts und niemand getrennt ist. Es entsprach dem Wort Gandhis: „Es gibt genug für die Bedürfnisse aller, aber nicht für die Gier aller.

Doch mein Weg verlief nicht geradlinig. Es gab Momente des Unverständnisses. Meine Forschung warf schwierige Fragen auf. Vielleicht war die Führung der Fokolar-Bewegung nicht bereit, meine Perspektiven, meine Kritik zu hören. Es gab Momente der Ablehnung. Momente, in denen ich das Gefühl hatte, mich von den formalen Strukturen entfernen zu müssen, um dem treu zu bleiben, was ich zu erkunden mich berufen fühlte.“

„Diese Jahre waren schmerzhaft – aber notwendig.“

Sie führten mich dazu, im Rahmen des Caritas-Netzwerks an Klimagerechtigkeit zu arbeiten. Sie vertieften mein Verständnis der Wissenschaft, der Politik, der weitreichenden Netzwerke der Zivilgesellschaft und vor allem des Leidens jener verletzlichen Gemeinschaften, die bereits vom klimatischen und ökologischen Zusammenbruch betroffen sind.“

Quelle: Panel – Pace ed ecologia integrale | Assemblea Generale del Movimento dei Focolari | 09 marzo 2026

Foto: csc audiovisi

„Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt:

wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“

Renata Simon, Mitglied des Leitungs-Gremiums der Fokolar-Bewegung (2015-2026)

Solomon Asch (1907-1996) gilt als einer der Pioniere der modernen Sozialpsychologie.

Er ist vor allem bekannt für seine berühmten Konformitätsexperimente aus den 1950er Jahren: In diesen Versuchen sollten Versuchspersonen beurteilen, welche von drei Linien gleich lang ist wie eine Vergleichslinie – eine eigentlich leichte Aufgabe.

Der Clou: Die anderen Teilnehmer im Raum waren Schauspieler, die absichtlich die falsche Antwort gaben. Das Ergebnis war verblüffend – etwa 75 % der echten Versuchspersonen passten sich mindestens einmal der falschen Mehrheitsmeinung an, obwohl die richtige Antwort offensichtlich war.

Sein Experiment im Bereich der  Konformitätsforschung zeigt, dass Individuen, obwohl sie wissen, dass eine Antwort richtig ist, dem Druck der Gruppe nachgeben und falsch antworten, um ihr nicht zu widersprechen und die „Harmonie“ aufrechtzuerhalten.

Dieses Phänomen zeigt die Schwierigkeit, das innerlich Gedachte mit dem Bedürfnis, in „Harmonie“ mit der Gruppe zu bleiben, in Einklang zu bringen.

Dr. Catherine Belzung, die im Leitungs-Gremium der Fokolar-Bewegung für den „Dialog mit der zeitgenössischen Kultur“ verantwortlich ist, greift das Asch-Experiment in ihrem Beitrag bei der Generalversammlung 2026 auf. Er trägt den Titel: „Die Dynamiken des Lebens in der Einheit: ein Weg zwischen Gewissen und Gemeinschaft“.

Hier einige Gedanken daraus.

Foto: csc audiovisi

Dr. Catherine Belzung

Professorin für Neurowissenschaften Universität Tours (FRA)

„Wenn wir hier sind, dann weil das Charisma der „Einheit“ uns fasziniert hat. Nicht eine Idee hat uns gewonnen, sondern ein Leben: die Entdeckung, dass das Wort Gottes gemeinsam gelebt werden kann, dass Gemeinschaft keine spirituelle Utopie ist, sondern eine konkrete Wirklichkeit, dass „Jesus in der Mitte“ kein Symbol ist, sondern eine erfahrbare Gegenwart, wenn die gegenseitige Liebe gelebt wird.“

„Jedes Charisma ist Gabe des Geistes an die Gemeinschaft. Es ist jedoch menschlichen Händen anvertraut.
Und menschliche Hände sind zerbrechlich .“

„Dieses Charisma hat den tiefsten Punkt des menschlichen Seins berührt: das Verlangen nach universaler Geschwisterlichkeit. Es hat gewöhnliche Gesten verwandelt – ein Zuhören, eine Vergebung, einen verborgenen Dienst – in Orte, wo Gott gegenwärtig ist. Es hat unseren Blick verändert: der andere nicht mehr als Grenze, sondern als Geschenk; nicht mehr als Hindernis, sondern als Weg. Es hat ein im Plural gelebtes Christentum vorgeschlagen, ein „Wir“, das den Individualismus überwindet und das Gebet Jesu sichtbar macht: „dass alle eins seien“ (Joh 17,21).“

„Die Verletzlichkeit betrifft nicht das Charisma an sich, sondern jene, die es empfangen, interpretieren, gestalten und weitergeben.“

„Dennoch tauchen gerade innerhalb dieser leuchtenden Erfahrung schmerzliche Fragen auf. Manche haben das Werk verlassen; andere berichten von tiefen Leiden; es wurden Formen von Autoritätsmissbrauch und geistlichem Missbrauch angezeigt, die manchmal systemischen Charakter hatten.

Wie ist ein solcher Widerspruch möglich?“

„Wie kann ein Charisma, das Einheit verkündet, – in manchen Situationen – zum Ort der Verwundung werden?“

Um diese Frage anzugehen, muss sie in einen weiteren Horizont gestellt werden: den des Verhältnisses zwischen Gewissen und Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist wie ein Gewebe: Jeder Faden bewahrt seine eigene Farbe, aber im Geflecht entsteht die Form und die Festigkeit des Ganzen.

Die Frage lautet dann: Wie kann man ein auf Einheit ausgerichtetes Charisma hüten, ohne die Reife des persönlichen Gewissens zu schwächen?

Wie unterscheidet man zwischen einer wahren Harmonie, die entsteht aus gegenseitigem Respekt entsteht, und einer nur scheinbaren Harmonie, in der die Menschen es nicht wagen, ihre eigene Meinung auszudrücken?

Wie kann man gewährleisten, dass die Gemeinschaft ein gemeinsamer Weg ist und kein Aufzwingen?

Wie die beiden Flügel eines Vogels stehen Gewissen und Einheit nicht im Gegensatz zueinander, sondern ermöglichen zusammen den Flug. Manchmal jedoch ist im Leben des Ideals dieses Gleichgewicht zwischen den beiden Dimensionen verloren gegangen, und die Person, ihr Gewissen, ist verschwunden.

„Unsere Ängste, unser Bedürfnis nach Sicherheit, der Wunsch nach Zugehörigkeit, die Mühsal des Konflikts, die Versuchung zur Kontrolle: All dies kann sich auch in die intensivsten Erfahrungen einschleichen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Zerbrechlichkeit. Nicht aus absichtlicher Untreue, sondern aus menschlicher Begrenztheit.“

Prof. Dr. Catherine Belzung – Vita

Akademische Ausbildung

Sie absolvierte ihr Master-Studium in Neurowissenschaften an der Universität Louis Pasteur in Straßburg (1985) und promovierte dort ebenfalls von 1985 bis 1988 – mit Auszeichnung (cum laude) – über die Validierung eines Angstverhaltenstest bei Mäusen.

1988–89 war sie als Postdoktorandin am CNR-Institut für Psychobiologie und Psychopharmakologie in Rom tätig (gefördert durch ein Stipendium des französischen Außenministeriums). Ihre Habilitation (HDR) legte sie 1997 an der Universität Tours ab.

Beruflicher Werdegang

Von 1989 bis 2002 war sie als Maître de Conférences (Dozentin) an der Universität Tours tätig. 1996/97 verbrachte sie ein Forschungssemester am Institut für Pharmakologie der Universität Zürich, gefördert durch das renommierte „Human Frontiers Science Program“. Im Jahr 2000 gründete sie die Forschungseinheit EA 3248 „Psychobiologie der Emotionen“ an der Université François Rabelais in Tours.

2002 wurde sie zur Professorin an der Universität Tours ernannt und durchlief seitdem mehrere Beförderungsstufen – zuletzt 2015 zur Professeure de classe exceptionnelle 2, eine der höchsten akademischen Auszeichnungen in Frankreich.

Leitungsfunktionen & Ehrungen

2014 wurde sie als Senior-Mitglied in das prestigeträchtige Institut Universitaire de France (IUF) aufgenommen. Seit 2018 leitet sie die INSERM-Forschungseinheit UMR 1253 iBraiN (Imaging and Brain) an der Universität Tours.

Seit 2022 ist sie Mitglied des wissenschaftlichen Rats des INSERM und der Fondation pour la Recherche Médicale (FRM), sowie Koordinatorin des UNESCO-Lehrstuhls zu Kindesmisshandlung. Seit 2023 ist sie Präsidentin der Französischen Gesellschaft für Neurowissenschaften.

Forschungsschwerpunkte

Sie arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und klinischer Psychiatrie. Ihre Forschung widmet sich der Neurobiologie schwerer Depressionen und therapieresistenter Verläufe. Dabei verfolgt sie einen interdisziplinären Ansatz im Dialog mit Neurowissenschaften, Psychologie, Psychiatrie, Philosophie, Ökonomie und Physik. Konkret arbeitet sie an drei Themen: der Entwicklung und Validierung von Tiermodellen psychiatrischer Erkrankungen, der Rolle der hippocampalen Neurogenese bei Stressresilienz und der Erholung aus depressiven Zuständen sowie der Neurostimulation zur Behandlung psychiatrischer Störungen.

Die von ihr geleitete Einheit iBraiN vereint Expertinnen und Experten aus Akustik, Chemie, Genetik, Philosophie, Psychiatrie, Linguistik, medizinischer Bildgebung, Mathematik, Neurowissenschaften, Physik und Radiochemie

Publikationen

Sie hat bislang über 314 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht.

Text: mit Unterstützung von Claude, dem KI-Sprachmodul von Anthropic, erstellt.

„Diese Verletzlichkeit anzuerkennen, ist kein Akt des Misstrauens; es ist ein Akt der Wahrheit.“

„Es bedeutet zu akzeptieren, dass keine charismatische Institution immun ist gegen Dynamiken der Idealisierung, gegen Machtungleichgewichte, gegen theologische Vereinfachungen.

Wahre charismatische Reife besteht nicht darin, die Zerbrechlichkeit zu leugnen, sondern sie anzunehmen.“

„Ein Charisma wird erwachsen, wenn es sich der Prüfung stellt,
wenn es keine Angst vor Kritik hat, wenn es den Verletzten zuhört, ohne sich zu verteidigen.“

„Die akzeptierte Verletzlichkeit wird zum Ort der Läuterung. Ein Charisma, das seine eigene Verletzlichkeit anerkennt, verliert nicht an Kraft: Es gewinnt an Glaubwürdigkeit.

Denn es zeigt, dass die Einheit, die es verkündet, keine sich selbst genügende Vollkommenheit ist, sondern ein demütiger Weg, der stets Licht und Wahrheit benötigt.“

Quelle: Panel – La nostra esperienza dell’unità | Assemblea Generale del Movimento dei Focolari | 07 marzo 2026

Foto: Tom Claves
Klaus-Hemmerle-Büste | 2004
Zentrum Frieden, Solingen | Künstler: Bernhard Hardt

„Was vom Himmel fällt, muss aus der Erde wachsen.“

Klaus Hemmerle, Theologe, Bischof und Mit-Begründer der Fokolar-Bewegung (1929-1994)

Hemmerles Menschenbild, so Dr. Bernd Aretz (Köln), verwirklicht sich im Zusammenspiel der Verwurzelung des Menschen in der Materie gepaart mit der Offenheit zur Transzendenz: beides vollkommen gleichberechtigt und aufeinander angewiesen.

Christuswirklichkeit und Menschenwirklichkeit spielen in analoger Weise zusammen und ergänzen sich.

Der Gedanke der Interaktion von Göttlichem und Irdisch-Menschlichem zeigt sich auch bei Philosoph Martin Heidegger (1889-1976), von dem Hemmerle beeinflusst war. Heidegger erklärt in seiner Schrift „Der Feldweg“, dass es dem tiefsten Wesen des Menschen entspricht, wenn beides zusammenspielt: die Verwurzelung in der Erde mit der Weite nach oben.

So schreibt Heidegger: „[D]ass wachsen heißt: der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln; dass alles Gediegene nur gedeiht, wenn der Mensch gleich recht beides ist: bereit, dem Anspruch des höchsten Himmels und aufgehoben im Schutz der tragenden Erde“.

Foto: csc audiovisi
Castel Gandolfo (bei Rom): Schauplatz der Generalversammlung war das internationale Begegnungszentrum der Fokolar-Bewegung.
Foto: csc audiovisi
320 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Kontinenten waren vom 01.-21. März 2026 mit dabei.
Foto: csc audiovisi
Im Mittelpunkt: die Frage nach einem zeitgemäßen Lebensstil der „Einheit“.

Exkurs: Wandel und Trauer

Fünf Phasen der Trauer 

Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) wurde in Zürich geboren und wanderte später in die USA aus. Dort arbeitete sie als Psychiaterin und Sterbeforscherin an der University of Chicago. Ihr bekanntestes Werk, „On Death and Dying“ (1969), in dem sie das Fünf-Phasen-Modell beschrieb, machte sie weltberühmt.

Die fünf emotionalen Phasen, die sterbenskranke Patienten durchlaufen, sind:

  1. Verleugnung – „Das kann nicht sein.“
  2. Wut – „Warum ich? Das ist ungerecht!“
  3. Verhandeln – „Wenn ich nur… dann vielleicht doch nicht.“
  4. Depression – Rückzug, Trauer, Hoffnungslosigkeit
  5. Akzeptanz – Annehmen der neuen Realität

Das Kübler-Ross-Modell und Organisationen

Dr. Michael Hagemann (Bonn) ist Transformations-Manager. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Entwicklungsschritten in Unternehmen und Organisationen.

Hagemann knüpft an die „Fünf Phasen der Trauer“ von Elisabeth Kübler-Ross an.

Seine Erfahrung in der Unternehmensberatung, der Lehrerausbildung sowie in Bildungsorganisationen und NGOs lehrt ihn: Menschen reagiern auf organisatorischen Wandel – wie Umstrukturierungen, Fusionen, digitale Transformation – emotional sehr ähnlich wie auf persönliche Verluste.

Der „Verlust“ ist hier etwa: gewohnte Strukturen fallen weg, Rollen oder Arbeitsweisen ändern sich.

Das Kübler-Ross-Modell – übersetzt auf Unternehmen und Organisationen:

Phase

Typische Reaktion der Mitarbeitenden

Schock / Verleugnung

„Das wird so nicht kommen.“ „Das betrifft uns nicht wirklich.“

Wut / Widerstand

Offene Ablehnung, Gerüchte, Schuldzuweisungen

Verhandeln

„Wenn wir das anders machen, geht es vielleicht auch so.“

Depression / Tal der Tränen

Demotivation, innere Kündigung, Produktivitätsverlust

Akzeptanz / Integration

Konstruktive Mitarbeit, neue Identifikation

Das Kübler-Ross-Modell: Was könnte es für Fokolar-Bewegung bedeuten?

1. Den eigenen Ort im Prozess erkennen
Die Bewegung scheint sich zwischen Verleugnung und Depression zu befinden – Mitgliederschwund, Schließung von Zentren, aber auch noch viel Festhalten an alten Strukturen. Das Modell hilft, ehrlich zu benennen: Wo stehen wir wirklich?

2. Widerstand nicht bekämpfen, sondern verstehen
Viele Mitglieder dürften Wut oder Trauer empfinden – über Missbrauchsskandale, institutionellen Verfall oder den Verlust einer geliebten Gemeinschaftsform. Hagemann würde sagen: Diesen Widerstand zuzulassen und zu begleiten ist produktiver als ihn zu übergehen.

3. Das „Tal der Tränen“ als notwendige Phase akzeptieren
Spirituelle Gemeinschaften neigen dazu, Schwäche oder Niedergang nicht offen zuzugeben. Das Modell legitimiert diese Phase – sie ist kein Versagen, sondern ein notwendiger Durchgang.

4. Akzeptanz ist nicht Resignation
Die letzte Phase bedeutet nicht, aufzugeben, sondern die neue Realität gestalterisch anzunehmen – neue Formen, kleinere Strukturen, andere Schwerpunkte.

5. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Phasen
In der Fokolar-Bewegung werden ältere, langjährige Mitglieder andere Phasen durchleben als jüngere oder Neueinsteiger. Eine gute Begleitung muss das berücksichtigen.

Text: mit Unterstützung von Claude, dem KI-Sprachmodul von Anthropic, erstellt.

Was könnten die nächsten Schritte für die Fokolar-Bewegung sein?

  1. Ehrlichkeit und Transparenz

    Viele Krisen in spirituellen Gemeinschaften verschärfen sich, weil Probleme intern kleingeredet werden.

    Ein erster Schritt wäre:

  • Ehrliche Aufarbeitung der Grenzüberschreitungen, Verletzungen und Verwundungen rund um den Missbrauch geistlicher Autorität und sexualisierter Gewalt. 
  • Klare Kommunikation über die tatsächliche Lage (Mitgliederzahlen, Finanzen, Schließungen)
  • Keine beschönigende Sprache mehr

 

  1. Betroffene wirklich hören

    Im Sinne von Kübler-Ross:

    Menschen brauchen Raum für ihre Wut und ihren Schmerz.

    Konkret:

  • Echte Beteiligung kritischer Stimmen – nicht nur Wohlgesonnener
  • Zuhören ohne Rechtfertigung

 

  1. Das Charisma vom Apparat trennen

    Ein klassisches Problem gewachsener Bewegungen: Die ursprüngliche spirituelle Kraft wird durch Institutionen und Strukturen erdrückt.

    Heilsam wäre:

  • Rückbesinnung auf den Kerngedanken – Begegnung, Einheit, das „Du“ im anderen sehen 
  • Mutige Verkleinerung: Weniger Zentren, aber lebendiger
  • Unterscheidung zwischen dem, was wesentlich ist, und dem, was historisch gewachsen, aber nicht notwendig ist

 

  1. Führungskultur erneuern

    Es braucht ein neues Mindset an der Spitze:
  • Weg von hierarchisch-charismatischer Führung hin zu dienender, transparenter Leitung
  • Externe Begleitung durch unabhängige Berater oder Theologen
  • Jüngere Generationen ernsthaft in Leitungsverantwortung einbeziehen

 

  1. Trauer zulassen – gemeinschaftlich

    Das klingt ungewöhnlich für eine Organisation, ist aber entscheidend:
  • Rituale des Abschieds von alten Formen
  • Raum für kollektive Klage – was haben wir verloren? Was hat uns verletzt?
  • Das „Tal der Tränen“ nicht überspringen wollen

 

  1. Neue Formen des Zusammenlebens erproben

    Die Fokolar-Bewegung entstand als kreative Antwort auf die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs.

    Diese Kreativität könnte wieder erwachen:

  • Kleinere, dezentrale Gemeinschaften ohne zentralen Apparat
  • Ökumenische und interreligiöse Öffnung – der Dialog mit anderen Traditionen als Stärke, nicht als Bedrohung
  • Digitale Gemeinschaftsformen für jüngere Menschen

 

  1. Theologische Erneuerung

    Hier könnte das Denken von Klaus Hemmerle über „Gottes Abstieg zu den Menschen“ hilfreich sein. Hemmerle betont dabei Demut, Kenose (Selbstentleerung) und echte Begegnung. Das wäre ein theologisches Fundament für einen authentischen Neustart.

 

Das Entscheidende

Nach Kübler-Ross und Hagemann gilt: Akzeptanz ist keine Niederlage, sondern der Beginn echter Gestaltung.

Die Fokolar-Bewegung müsste den Mut aufbringen, zu sagen:
„Die alte Form ist vorbei. Was bleibt, ist der Geist – und der sucht neue Gestalt.“

Text: mit Unterstützung von Claude, dem KI-Sprachmodul von Anthropic, erstellt.