Einfach machen – "Sound & Silence": "Väterlich?"

Foto: Tom Claves

Die Thomaskirche in Hamm: Schauplatz von „Sound & Silence“ – auch am 08.05.2026

Viele Väter sind heute Abend hier. Und Mütter. Und Menschen, die ihre väterliche oder mütterliche Seite an anderer Stelle leben – ohne eigene Kinder. Wir sind nicht alle Väter – aber alle haben wir einen Vater. Und haben Erfahrungen gemacht – selbst diejenigen, die ihren Vater vielleicht nie gekannt haben.

 

Ich lade euch ein in die Stille. Wie war euer Vater – wie ist er? Wie hat er euch geprägt? Was fühlt ihr, wenn ihr an ihn denkt? Ist da Zorn? Dankbarkeit? Trauer? Unverständnis? Wenn es euch guttut, dann spürt dem nach. Wenn es zu schwer ist, genießt einfach die Stille.“

 

Foto: Screenshott YouTube

Pfarrerin Kerstin Goldbeck, die Superintendentin des Kirchenkreises Hamm, leitet den Gottesdienst. Die Theologin eröffnet einen ganz eigenen Blick auf das Thema „Vater“ und findet faszinierende Zugänge.

Kerstin Goldbeck hat uns ihre Texte für die Nutzung auf unser Homepage zur Verfügung gestellt. Dafür sagen wir ♥️-lichen Dank!

Väter von heute

Elfriede hat ihren Vater erst kennengelernt, als sie sechs war. Da erst kam er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Mama hatte von ihm erzählt, hatte ihr Bilder gezeigt, aber der Mann sah ganz anders aus. Nicht so fröhlich. Der Mann, der ihr Vater war, lachte nie. Sie sollte ihn drücken, sagte Mama, aber es fühlte sich nicht gut an. Er sprach nicht viel. Er kümmerte sich wenig um sie. Aber er war ihr Vater.

Ob Elfriedes Gott auch abwesend und fremd ist?

 

Thomas‘ Papa muss viel arbeiten, und Mama kümmert sich um die drei Jungs, um Thomas und seine Brüder. Manchmal arbeitet Papa auch zuhause, dann müssen sie ganz leise sein. Am letzten Sonntag, als es Kotelett gab, hat Papa das größte bekommen. Manchmal, wenn Mama wütend auf Thomas ist, sagt sie: Warte ab, bis Papa nach Hause kommt!

Hat Thomas auch vor seinem Gott Angst?

 

Lisas Papa ist stolz auf sie. Sie merkt es, wenn er ihr Zeugnis in der Hand hält! Für jede 1 kriegt sie fünf Euro von ihm, für jede 2 zwei Euro. Papa sagt, Lisa ist schlau und sie kann es zu viel bringen, aber dafür muss sie sich anstrengen. Als Lisa eine 4 in Mathe hatte, war Papa sehr enttäuscht, da hat Lisa sich geschämt.

Gibt Lisa sich auch Mühe für Gott und hat Angst zu versagen?

 

Lucas Papa sagt immer: Warum hast du keine Freundin? Du siehst gut aus, dir müssen die Mädels doch in Scharen nachlaufen. Aber Luca ist seit zwei Monaten mit Jonas zusammen. Das darf Papa niemals erfahren, dann macht er ihn fertig. Papa hasst Schwuchteln, so bezeichnet er sie. Er findet sie widerlich. Wenn Papa wüsste, wie Luca ist, dürfte er sich zuhause nicht mehr blicken lassen.

Muss Luca sich auch vor seinem Gott verstecken?

 

Jörg hat Papa immer schon in der Werkstatt geholfen. Er hat hämmern und sägen gelernt, sorgfältig messen und leimen. Als Kind hat ihm das viel Spaß gemacht, und er hat sich gefreut, wenn Papa gesagt hat: Wenn du groß bist, bist du hier der Meister! Aber Jörg will nicht der Meister werden. Er möchte Sozialarbeit studieren. Papa hat gesagt, diesen Firlefanz könne er sich ganz schnell aus dem Kopf schlagen.

 

Muss Jörg für seinen Gott auch so sein, wie er nicht sein will?“

Foto: Screenshot YouTube

Paula Föst (Gesang) und Ulrike Egermann (E-Piano & Gesang): Motherless Child– ein traditionelles Spiritual aus der Zeit der Sklaverei in den Vereinigten Staaten in den 1870er Jahren

Väter der Bibel

Jesus hat Gott “Abba” genannt, Papa, und er hat es den Seinen beigebracht. So sollt ihr beten: Vater unser im Himmel! Er spricht davon, dass sein Vater auch ihr Vater ist, und uns allen ist das vertraut.

 

Aber zu Jesu Zeit ist das vollkommen neu! Kein Jude hätte Gott mit „Vater“ angeredet, diese Anrede war völlig unüblich! Und sie ist auch erstaunlich, wenn man sich die Väter der Bibel anschaut. Denn die biblischen Väter sind alles andere als gute Vorbilder!

 

Der erste Vater der Bibel, Adam, entzieht sich schon vor seiner Vaterschaft der Verantwortung: Ich war’s nicht, ich bin nicht schuld. Und als einer seiner Söhne den anderen erschlägt, sagt Adam dazu –  kein Wort.

 

Noah, Vater von drei Söhnen, scheint ein sehr wortkarger Mann gewesen zu sein. Nachdem Gott mit der Menschheit einen neuen Anfang nach der Sintflut gemacht hat, trinkt er ordentlich einen über den Durst und verflucht den Sohn, der ihn dabei ertappt.

 

Abraham hat mehrere Frauen. In den unvermeidlichen Konflikten ist er ein Mann, der sich am liebsten raushält. In einer der dunkelsten Geschichten der Bibel erhebt das Messer gegen seinen Sohn, bevor Gott selbst ihn aufhält. Ob Isaak, der Sohn, seinem Vater je wieder vertrauen konnte?

 

Jakob schweigt zur Vergewaltigung seiner Tochter Dina. Jefta opfert das Leben der eigenen Tochter – nur, weil er einen leichtfertigen Schwur geleistet hat, an dem er aus falschem Stolz festhält.

 

Die Bibel vor Jesus erzählt von mächtigen Vätern und unterdrückten Frauen – Mütter, Schwestern, Töchter. Die Väter sind abwesend, schwach, hilflos und klagend.

 

Und doch sagt Jesus: Gott ist euer Vater. Gerade, weil er anders ist als die irdischen Väter es sein können. Gott ist alles das, was ihr an euren Vätern vermisst!

 

Er ist gütig, nah, er gibt die Orientierung, er schützt dich, er ist immer für dich da. Gerade dann, wenn du dich verloren und allein fühlst.“

Foto:Screenshot YouTube

Ulrike Egermann (E-Piano & Gesang) und Bernhard Egermann (A-Gitarre & Gesang): „Father and Son“ von Cat Stevens

Vater mit zwei Seiten

„Wie gut alles angefangen hatte! Nie zuvor war soviel Geld auf seinem Konto gewesen, eine Summe, noch viel größer als die, mit der er gerechnet hatte.

 

Der Alte hatte den Zaster tatsächlich rausgerückt, er hatte nicht mal lange diskutiert, einfach die Kohle überwiesen. Und jetzt konnte er sich alles leisten! Er war raus aus der Firma, er konnte sein eigenes Ding machen, endlich!

 

Meine Güte, was hatten sie es krachen lassen. Mit dem neuen Cabrio waren sie nach Süden gefahren, hatten keine Stadt, keine Partymeile ausgelassen. So eine geile Zeit! Sie hatten gefeiert, als gäbs’s kein morgen. Auf einmal war er jemand bei den Frauen, sie hängten sich an ihn, er kaufte ihnen Geschenke, schmiss große Runden, war ihr König. Sie mieteten große Häuser und feierten, immer neue Menschen kamen dazu. Sie hatten anfangs nur aus Spaß gekifft, dann ein bisschen gekokst, und dann war ein großes Ding daraus geworden. Mit dem Zeug konnte man ja noch viel mehr Kohle machen!

 

Es lief so lange gut. Und dann lief es nicht mehr gut. Als das Mädchen aufhörte zu atmen. Als die Schläger des Bosses ihn zusammenprügelten. Ihm das Auto abnahmen. Als das Geschäft mit der Dealerei aufflog. Sechs Monate Knast.

 

Als er rauskam, war das Konto leer. Sie hatten es alles auf den Kopf gehauen. Er stand auf der Straße. Er hatte Schulden, er brauchte Arbeit. Ohne Ausbildung hatte ihn das Amt in den Schlachthof geschickt, wo er Schweinehälften zerlegte. Das machte er jetzt seit vier Wochen, und es machte ihn kaputt.

 

Die Scham war bodenlos.

 

Er hatte ein Jahr lang keinen Kontakt mehr gehabt mit zuhause. Er konnte doch jetzt nicht wieder angekrochen kommen! Der Alte würde ihn achtkantig rauswerfen, und das zu Recht. Er rang viele Nächte mit sich. Und irgendwann textete er: Papa, ich habe ganz großen Mist gebaut. Schlimmer, als du dir vorstellen kannst.

 

Es dauerte keine Minute, dann blinkte die Nachricht auf. „Ich bin so froh, von dir zu hören, endlich! Mach dir keine Sorgen, es ist alles gut. Wo kann ich dich abholen?

 

So ein Vater, sagt Jesus, ist Gott.“

Foto: Kirche-in-Westfalen
Kerstin Goldbeck

ist Pfarrerin und seit 2020 Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Hamm.
Sie ist als erste Frau die leitende Theologin in der über 200-jährigen Geschicht des Kirchenkreises.

 

Dazu gehören rund 78.500 Evangelische in den zwölf Kirchengemeinden im Bereich Ahlen, Ascheberg-Herbern, Bönen, Hamm, Sendenhorst, Werl-Hilbeck und Werne.

 

Sie studierte in Bethel, Heidelberg und Münster Evangelische Theologie. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Töchtern.
Nach dem Tod ihres Mannes Matthias Eichel am 31. März  2025 übernahm sie die inhaltlich-theologischen Beiträge bei „Sound & Silence“.

Vater auf dem Weg

„Vorhin habt ihr in der Stille an euren Vater gedacht. Wenn wir jetzt noch einmal still werden, dann lade ich euch ein zu einem Weg mit Gott, dem Vater.

 

Stell dir vor, wie er neben dir geht, wie seine Vaterliebe auf dich übergeht.

 

Hast du Fragen? Du kannst sie stellen.

Willst du ihm sagen, was gerade schwer ist? Er hört dir zu.

Brauchst du seine Hand auf deiner Schulter? Du kannst sie spüren.

 

Tut es dir gut, ihn einfach nur in friedlichem Schweigen neben dir zu haben, stark und verlässlich und liebevoll? Dann ist auch das gut. Schließ deine Augen. Mach dich auf den Weg mit ihm.“

„Sound & Silence“

ist ein besonderes Gottesdienstformat der Evangelischen Kirchengemeinde Pelkum-Wiescherhöfen in Hamm. Es besteht seit 2021 und  verbindet Musik und Stille mit spirituellen Elementen.

 

Die musikalische Gestaltung des Abends liegt bei Popkirchenmusikerin Ulrike Egermann, die dieses spezielle Gottesdienstformat gemeinsam mit Pfarrer Matthias Eichel entwickelt hat.

Donnerstag ist Himmelfahrt. Jesus geht zu seinem Vater. Und die Jünger müssen Abschied nehmen.

 

Sie  hatten ihr Leben mit ihm geteilt. Mit ihm war ihnen etwas begegnet, das sie zuvor nicht kannten. Das war der Himmel auf Erden!

 

Menschen wurden heil. Arme schöpften Hoffnung. Halsabschneider veränderten ihr Leben. Verzweifelte bekamen Mut. Jesus hatte den Himmel aufgeschlossen.

 

Und nun geht er, der den Himmel auf die Erde gebracht hat. Der Himmel tut sich auf für ihn.

 

Und, so stelle ich es mir vor, mit ihm geht ein Stück Erde mit in den Himmel. Denn er hat ja Seite an Seite gelebt mit uns.

 

Er hat das Leid der Menschen geteilt, den Hunger, die Krankheit, die Trauer. Er nimmt etwas davon mit – zu seinem, zu unserem Vater. Himmel und Erde verbinden sich.

 

Jesus geht in den Himmel mit seiner Geschichte. Mit der ganzen Menschengeschichte. Mit meiner Geschichte.

 

Mein Himmelsvater kennt meine Geschichte. Ich muss nichts verstecken, nichts vorgeben, nichts leisten.

Ich kann ihm alles sagen. Weil er mich mehr liebt, als jeder irdische Vater es könnte. Das ist Himmelfahrt.“

Den kompletten Gottesdienst gibt es auch auf YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=ojueRkWUQ6M