„NÄHE“ ist das THEMA DES JAHRES auch 2026.

SAMSTAG | 15.11.2025

„Was bedeutet Nähe für mich?“

Selbst entscheiden, wie viel Nähe möglich und sinnvoll ist.

Zur Nähe gehört auch Distanz. Sich abzugrenzen, will gelernt sein.

"Der lila Elefant im Raum"

Die Synode der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) in Dresden beschäftigte sich jüngst mit dem Thema. Die Katholische Kirche ebenfalls. Auch Kultureinrichtungen und Sportverbände kommen nicht länger darum herum. Es geht um sexualisierte Gewalt.

Ulrike Schulze Hobeling (Warendorf), Tobias Klodwig (Münster) und Christoph Sibbel (Oldenburg) (v.l.n.r.) und berichten davon, wie sie die Sprachlosigkeit diesbezüglich angegangen sind.

„Es war wie so ein lila Elefant im Raum“, beschreibt Tobias Klodwig die Situation, die durch zwei Fälle in der Region, in die Fokolar-Priester verwickelt waren, entstand. Ein Graben zwischen den Priestern und zahlreichen Angehörigen der Fokolar-Bewegung tat sich auf.

"Perspektive der Opfer einnehmen"

Als mit Dr. Andreas Tapken (Oberhausen) ein Psychologe und Coach als Mediator gewonnen wurde, kam ein erstes Gespräch zwischen Laien und Priestern zustande, dem ein zweites folgte.

„Es war wichtig“, berichtet Christoph Sibbel, selbst als Pfarrer tätig, „die verschiedenen Perspektiven einzunehmen, besonders die der Opfer.

So reich und wertvoll verzeihen können sei, vorschnelle Rufe danach, dass die Opfer den Tätern verzeihen sollten, erteilte Ulrike Schulze Hobeling eine klare Absage: „Heute weiß man, dass gerade in Missbrauchsfällen ein zu schnelles Verzeihen den Opfern eher schadet.“ Wenn man zu schnell verzeihe, könne die- oder derjenige den Kontakt mit sich selbst, mit der eigenen Wunde und den eigenen, echten Gefühlen verlieren. Die Folge sei, dass sich die Wunde im Unterbewusstsein verankern könne. „Die Wunde kann später“, so Schulze Hobeling weiter, „in ganz unerwarteten Momenten plötzlich aufbrechen.“. Manchmal würden die Betroffenen gar nicht erkennen, woher die Verzweiflung, eine schwere Krise oder sogar eine Krankheit herrührten.

"Verzeihen nicht einforderbar"

Erst nach einer wirklichen Verarbeitung und intensiven psychischen Begleitung könnten viele der Opfer selbst anschauen und herausfinden, was für sie möglich und hilfreich sei – und wann. Auf keinen Fall könne Verzeihen von außen eingefordert werden.

Ein weiterer Aspekt ist das Verhindern von Machtmissbrauch. „Ich habe Menschen erlebt, die mir sehr wichtig sind,“ berichtet Ulrike Schulze Hobeling, „die unter Machtmissbrauch extrem gelitten haben.“

Sie werde sich entschieden dafür einsetzen, damit dies künftig niemandem mehr passieren müsse. An die rund 100 Gäste gewandt schloss sie mit den Worten: „Wir könnten alle miteinander aufmerksam sein – besonders in Beziehungen, in denen Abhängigkeiten bestehen, um Machtmissbrauch möglichst zu verhindern.“

Nicht die Menge an Freundinnen ist wichtig, sondern dass ich mich auf sie verlassen kann.“

Am Vormittag zu Gast: Dr. Christoph Hegge (Mitte) – Weihbischof von Münster.

Nähe, oh, wie angenehm, oh, wie anstrengend. Kommt ganz drauf an.“

Peter Kossen: gegen die Allianz aus Kapital, Kirche und Politik - für Gerechtigkeit

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ nannte ihn einst den „Heiligen Peter der Schlachthöfe“: Peter Kossen – katholischer Pfarrer im westfälischen Lengerich. Beim Tag der Fokolar-Bewegung in Münster sind viele gespannt, was Peter Kossen zu sagen hat. Die meisten wissen, dass er für Gerechtigkeit und Würde kämpft und  sich dabei auch mit den Großen in Politik, Kirche und Unternehmen anlegt.

„Den Hilferuf der Menschheit hören."

Die milliardenschwere Fleischindustrie versucht, den ungeliebten Protest-Pastor mundtot zu machen und übt immer wieder gezielt Druck auf die Bistumsleitung am Domplatz in Münster aus.

Dabei nimmt Peter Kossen, der seit den 1990er Jahren Mitglied der Fokolar-Bewegung ist, genau das auf, was die letzte Generalversammlung der Fokolar-Bewegung im Jahre 2021 in ihrem Abschluss-Dokument so formulierte: „Den Hilferuf der Menschheit hören“. Kossen hat sie gehört, die Hilferufe der Arbeiter in den Schlachthöfen der Republik, die häufig als moderne Arbeits-Sklaven gehalten werden und sich als Menschen zweiter Klasse fühlen.

„Wenn du gegen Ungerechtigkeiten kämpfen willst, musst du manches Mal selbst Spannungen erzeugen.“

Darüber reden möchte niemand gerne. „Es ist auf gewisse Weise leichter“, so Kossen, „für faire Arbeits- und Lebensbedingungen in Bangladesch zu kämpfen, als hier bei uns.“

Kossen ist kein Träumer. „Es geht in der Politik darum, Mehrheiten zu organisieren.“ Er wirbt dafür, dass sich mehr Menschen der Fokolar-Bewegung in der Politik engagieren. Der Geist, den die Spiritualität der Einheit hervorbringe, sei in politischen Parteien weitgehend verloren gegangen. Und noch etwas ist Peter Kossen wichtig: „Wenn du gegen Ungerechtigkeiten kämpfen willst, musst du manches Mal selbst Spannungen erzeugen.“

Peter Kossen ist streitbar, klar und geradeaus. Er ist ein Gesprächspartner, der – so der Eindruck – in der kommenden Zeit in der MOPs-Region an Bedeutung gewinnen wird.

Das Moderations-Team in Aktion: Anita Pucknat (Neuenhaus) und Markus Palta (Hamm).

Lukas Meyer beim Enactus World Cup 2025

„Ich möchte nicht ausschließlich Spenden sammeln, um Menschen in Not zu helfen“, erzählt Lukas Meyer (2.v.l.) in einer Pause. „Ich möchte etwas Konkretes tun – mit direktem Impact.“

Etwas bewirken, ist für ihn wichtig. Lukas Meyer (23) studiert Wirtschaftschemie an der Universität Münster und war 2024/25 Finanzvorstand bei Enactus Münster e.V. . Mit über 75.000 Mitglieder: innen ist Enactus die größte studentische Unternehmertum-Initiative der Welt. Durch die Gründung eigenständiger gemeinnütziger Organisationen sowie nachhaltigen Start-Ups wollen sie soziale und ökologische Probleme mit unternehmerischem Ansatz lösen und somit einen Beitrag zur Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen leisten.

Beispiel: „Seads“. „Wir“ – so schreiben sie auf ihrer Homepage https://enactus-muenster.de/projekte/seads/ – „renaturieren Seegraswiesen in der deutschen Ostsee durch gezielten Anbau und die nachhaltige Ernte von Samen.“ Ein Vorteil: Seegras binde bis zu 50-mal mehr CO₂ als Wälder.

Mit diesem Projekt setzten sie sich als „National Champion“ gegen die Teams anderer deutscher Universitätsstädte durch. Daraufhin ging es für sie nach Bangkok, um Deutschland beim World Cup vertreten

Lukas Meyer kümmerte sich – neben den Finanzen des Vereins – auch um die Reise zum Enactus World Cup 2025 in die thailändische Millionen-Metropole. Das Team aus Münster belegte dort den dritten Platz und gewann zusätzlich den ThaiBev SEP Award für ihren Projektansatz, der der Thailändischen Philosophie für einen sich selbsttragende Wirtschaft am meisten entsprach.

Das Sieger-Projekt, das aus Kanada kam, überzeugte mit einer innovativen Lösung für biobasierten Plastikfilm aus Seegras. Von den über 30 vertretenden Ländern war auch der Vorjahres-Sieger Tunesien anwesend. „Die“, so Lukas Meyer, „haben mich mit ihrer Stimmung und Offenheit besonders beeindruckt“.

Ihr Projekt hilft in ihrer nordafrikanischen Heimat bei der Bekämpfung von Mastitis, der Euterentzündung von Milchkühen. Herkömmliche Antibiotika-Behandlungen sind für die Milchbauern sehr kostenintensiv und langfristig nicht nachhaltig. Also entwickelte das Enactus-Team eine Creme und ein Gel auf natürlicher Basis, die Mastitis wirksam heilen und vorbeugen können.

„Der Ehrgeiz der Teams, etwas Gutes zu tun, die Möglichkeit, mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen, einzigartige Erfahrungen zu machen und nachhaltigen Impact zu schaffen, zeigt mir, was Enactus ausmacht.

Mehr zu Peter Kossen

Peter Kossen, Pfarrer und Aktivist (Lengerich), kämpft für mehr Gerechtigkeit in der Fleisch-Industrie.

Peter Kossen (* 1968 in Wildeshausen) ist ein deutscher römisch-katholischer Priester. Er setzt sich gegen moderne Sklaverei und für faire in würdige Arbeitsbedingungen für ausländische Beschäftigte vor allem in den Schlachthöfen der Fleischindustrie ein.

Peter Kossen wuchs in Rechterfeld, einem Dorf in der Gemeinde Visbek im Kreis Vechta als zweites von vier Kindern der Eheleute Ida und Georg Kossen auf. Nach seinem Abitur begann er das Studium der Theologie und Philosophie an der Universität Münster. In seiner Zeit im Priesterseminar lernte er durch andere Theologiestudenten die Fokolar-Bewegung kennen, der er sich bis heute zugehörig fühlt.

Seine Stationen als Kaplan waren Nordwalde und Münster-Coerde. Als Pfarrer war er in Emmerich am Niederrhein tätig.

2011 wechselte Kossen auf Bitten des damaligen Weihbischofs Heinrich Timmerevers als Ständiger Vertreter des Offizials für den niedersächsischen Teil des Bistums Münster nach Vechta. Parallel dazu wurde er Subsidiar in St. Gertrud in Lohne.

Er war zudem 2013 Vorsitzender des Landes-Caritasverbands Oldenburg. Von 2021 bis 2025 war er zugewähltes Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Zum Jahresbeginn 2017 wechselte Kossen als leitender Pfarrer der Pfarrgemeinde Seliger Niels Stensen nach Lengerich (Westfalen), wo er bis heute tätig ist.

Das Interview

Peter Kossen, sie haben die Fokolar-Bewegung während ihrer Zeit im Priesterseminar in Münster kennengelernt.

Ich hatte Studienkollegen, die sich der Fokolar-Bewegung zugehörig fühlten. Ihre Haltung fiel mir auf. Die haben sich nicht so zugeballert mit frommen Zeichen im Zimmer. Die hörten nicht nur Bach. Die hatten auch schon mal frische Blumen auf dem Zimmer stehen.

Was hat sie neugierig gemacht?

Ihre große Offenheit, diese Weite verbunden mit dem Gedanken der Einheit. Das fasziniert mich, muss ich sagen, bis heute.

Peter Kossen (li.) und Mitstreiter vor einem Schlachthof in Coesfeld während der Pandemie 2020.

Sie sind Pfarrer und seit einigen Jahren auch ein Aktivist, der sich für faire Arbeitsbedingungen für ausländische Beschäftigte vor allem in Schlachthöfen engagiert.

Es geht um Wahrnehmen. Es geht um Benennen. Wenn wir Christen an die Ränder gehen, verwässern wir uns nicht. Wenn wir uns gesellschaftlich reinhängen, da vertun wir uns nichts, sondern kommen eigentlich zu dem, oder leben aus dem, was uns trägt.

Sie sind ein Spannungsspezialist. Sie gehen hinein. Mitunter erzeugen sie sie auch.  Sie erleben Ungerechtigkeit, Hass und Menschenverachtung. Wie gehen sie mit Scheitern um?

Von Klaus Hemmerle, dem verstorbenen Mitbegründer der Fokolar-Bewegung, habe ich mal den Satz gehört, das Reich Gottes könne nur erscheitert werden. „Erscheitern“. Ein Wortspiel. Und dennoch ein passendes Wort, finde ich. Wenn man etwas Wertvolles erscheitert, heißt das ja, man geht tatsächlich durch das Scheitern durch. Und an solchen Stellen merke ich, auch das prägt mein Leben.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

„Aktion Würde und Gerechtigkeit“

Gegründet am 4. Januar 2019 durch Peter Kossen und andere will der gemeinnützige Verein Arbeitsmigrant*innen aus Ost- und Südosteuropa in ihren Rechten stärken, um dazu beizutragen, dass ihre Integration und Teilhabe gelingt. Würde und Gerechtigkeit wird Wanderarbeiter*innen in unserem Land oft vorenthalten.

Der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ ist als gemeinnützig anerkannt und will durch ein Netzwerk von Juristen und juristisch geschulten Ehrenamtlichen den Rechtsweg für Arbeitsmigrant*innen leichter zugänglich machen. Sie wollen die oft prekäre und menschenunwürdige Lebens- und Arbeitssituation von Arbeitsmigrant*innen sichtbar machen (Öffentlichkeitsarbeit), um diesen Menschen durch Beratung ein (Arbeits-)Leben in Würde und Gerechtigkeit zu ermöglichen – sowie ihre Integration und jene ihrer Familien zu unterstützen.

Weitere Informationen: www.wuerde-gerechtigkeit.de

Rückblick 2024

Der Tag der Fokolar-Bewegung 2024 stand ganz im Zeichen der jungen GENeration. Das Team um Samuel Meyer (3.v.re.) backte Waffeln und noch viel mehr.

Der Erlös ging an eine Schule in Brasilien.

In Fortaleza, der viertgrößten Stadt Brasiliens mit rund 2,7 Millionen Einwohnern, brachte Samuel Meyer Kindern das Lesen und Schreiben bei.