Dein NewGen-Blog
Wort in Bewegung – Einheit in Aktion
Rom - Weltjugendtag 2025
„Setz´dich doch dazu“
Samuel Meyer nimmt uns mit.
Als unsere kleine Gruppe sich entschloss, am Jugendjubiläum 2025 teilzunehmen, wussten wir nicht genau, was uns erwartet. Wir, das waren Benjamin und Martin aus Kroatien, Valentina aus Wien, Santiago aus Costa Rica und ich, Samuel aus Deutschland. Eine Nachricht in unserer Gen-Gruppe hat gereicht, um den Entschluss reifen zu lassen. Wir wollten nach Rom in eine Stadt, die durchdrungen ist von Geschichte, Glauben und Begegnung und uns dem Ruf anschließen, der Millionen junger Menschen aus der ganzen Welt zusammengebracht hat: Pilger der Hoffnung zu sein.
In diesem Bericht möchte ich meine Erfahrungen möglichst lebendig anhand persönlicher Erlebnisse präsentieren. Ich könnte das offizielle Programm schildern, das aus Katechesen über Heiligkeit, Hoffnung und Neuanfang bestand, über das Konzert der Gen-Band „AsOne“ oder die Messen mit dem Papst erzählen.
Doch ich glaube, dass meine konkreten Erfahrungen am besten zeigen, was dieses Jubiläum für uns bedeutete. Beim Programm haben rund 200 Gen aus der Welt teilgenommen – hauptsächlich allerdings italienische und spanische Jugendliche.
Guiseppe (Rom)
Bereits die ersten Stunden haben uns gezeigt, was dieses Jubiläum ausmacht: offene Türen, offene Herzen. Obwohl wir niemanden in Rom kannten, durften wir bei Giuseppe, einem italienischen Gen, übernachten. Ganz selbstverständlich nahm er uns in seiner Wohnung einfach so, ohne uns je zuvor gesehen zu haben. Gemeinsam mit den anderen Gen aus Genua und Mailand verbrachten wir den ersten Abend im Fokolar. Wir tauschten Erfahrungen aus, lachten, erzählten und wurden von der ersten Minute an aufgenommen, als wären wir nie Fremde gewesen.
Auch wenn die Verständigung nicht immer leicht war – denn nur wenige sprachen gut Englisch oder Deutsch – fanden wir Wege zueinander. Ich erinnere mich an einen Moment am Abend, als wir alle zusammen aßen und zwei italienische Jugendliche freudestrahlend auf mich zukamen, weil sie einige Wörter Deutsch kannten und begeistert waren, sich mit mir zu unterhalten. Wir lachten, machten Witze und spürten: Sprache ist wichtig, aber nicht entscheidend. Dort habe ich gemerkt, dass was zählt, sind Zeichen, welche man durch seinen Umgang und Präsenz im Miteinander vermittelt.
Jugendliche (Polen)
Schon am nächsten Tag wurde ich vom Gen-Center eingeladen, einer kleinen Gruppe von etwa dreißig polnischen Jugendlichen von der Fokolar-Bewegung zu erzählen. Sie hatten noch nie davon gehört, waren aber sofort interessiert, als sie unsere Gruppe sahen. Wir kamen aus verschiedenen Ländern: Jerome aus Frankreich, Franzisko aus den USA, Daphne aus Indien und ich aus Deutschland. Für die Jugendlichen aus Polen war es überraschend zu sehen, wie selbstverständlich wir miteinander unterwegs waren. Sie fragten uns, was uns verbindet, was eine so unterschiedliche Gruppe in einer Kirche in Italien zusammenbringt.
Ich erzählte ihnen von der Einheit, die nicht darin besteht, alles gleich zu machen, sondern sich ehrlich aufeinander einzulassen. Von dem, was ich in Brasilien erlebt habe, dass man, wenn man aus reinem Herzen etwas gibt, oft selbst am meisten beschenkt wird. Nicht mit Dingen, sondern mit Freude, innerem Frieden und dem Gefühl, wirklich verbunden zu sein.
Diese Gedanken berührten viele von Ihnen, sagten sie mir später, als wir dieser polnischen Gruppe im Laufe der Tage noch drei Mal irgendwo in Rom wieder begegnet sind. Ein Lächeln reichte, ein kurzer Gruß und man wusste, dass etwas geblieben ist.
Heiliges Jahr - was ist das?
Das Heilige Jahr ist ein Jubiläumsjahr in der katholischen Kirche. Regulär wird es alle 25 Jahre begangen. Ziel des Heiligen Jahres ist es, die Gläubigen zur Erneuerung ihres Glaubens und zur Vertiefung ihrer Beziehung zu Gott aufzurufen.
Zentrale Elemente der Heiligen Jahre sind die Pilgerfahrt nach Rom und das Durchschreiten der Heiligen Pforten in den vier Hauptbasiliken (Petersdom, Santa Maria Maggiore, Sankt Paul vor den Mauern und St. Johannes im Lateran). Das Motto des Heiligen Jahres 2025 lautet: „Pilger der Hoffnung“.
Papst Leo lud die Jugendlichen aus diesem Anlass zu einem „Sonder“-Weltjugendtag (vom 28. Juli bis 03. August) nach Rom ein.
Emma (Italien)
Ein besonders tiefgehender Moment entstand während der Katechese zum Thema „Hoffnung“. Dort begegnete ich Emma, einer italienischen Gen. Uns wurde die Frage gestellt, was Hoffnung für uns bedeutet. Ich erzählte, dass ich daran glaube, dass jede kleine gute Tat etwas Großes bewirken kann und dass man niemals aufhören sollte zu glauben, dass man selbst die Welt verändern kann.
Emma hörte aufmerksam zu und teilte ihre Geschichte: Sie begleitete ein kleines Mädchen, das aus einem Kriegsgebiet geflohen ist. Lesen und schreiben fielen dem Mädchen schwer. Doch Emma blieb an ihrer Seite, schenkte ihr Geduld, Zuwendung und Vertrauen. Und das Mädchen wuchs daran – nicht nur schulisch, sondern vor allem innerlich.
Für Emma war diese Erfahrung ein leises Wunder. Sie wollte Hoffnung geben, doch schließlich war es das Mädchen, das ihr Hoffnung schenkte. Trotz allem Leid blieb es voller Kraft, weil sie sich geliebt wusste. Und Emma erkannte: Wo Liebe ist, kann selbst im Dunkel ein neues Licht der Hoffnung entstehen.
José (Panama)
Schon am nächsten Tag hörten wir die Erfahrung von José aus Panama, die mich schwer bewegt hat. Er teilte seine Geschichte am Tag der Hoffnung. Noch vor wenigen Monaten hatte er die Diagnose Krebs erhalten.
Die Nachricht traf ihn mitten in einem wundervollen Lebensabschnitt: nach seinem Schulabschluss hatte er große Pläne. Doch auf einmal war alles anders. Er erzählte, wie er nach der Diagnose mit seiner Familie zum Fokolar ging, um Halt zu finden. Dort – im kleinen Gebetsraum vor dem Allerheiligsten – spürte er zum ersten Mal wieder Frieden. Auch wenn die Monate der Chemotherapie hart waren, war es für ihn die Liebe seiner Familie, seiner Freunde und die Gebete vieler Menschen weltweit, die ihn getragen haben. Er sagte, dass genau dieses Netz aus Liebe ihm geholfen hat, die Krankheit zu überwinden. Die gelebte Einheit war stärker als jede Angst. Als José dann unter Applaus erzählte, dass er heute krebsfrei sei, war es ein Moment stiller Kraft. Für viele von uns war das eine Erinnerung daran, dass Hoffnung nicht nur ein Wort ist, sondern etwas, das durch Menschen konkret werden kann.
Gruppentanz (Mexiko)
Der Abschluss des Jubiläums war für mich der wohl atemberaubendste Moment. Rund eine Million Jugendliche versammelten sich auf einem weiten Feld am Stadtrand Roms, um unter dem Sternenhimmel zu übernachten. Trotz der Menschenmenge war da kein Gefühl von Unsicherheit, sondern vielmehr eine spürbare Verbundenheit. Man fühlte sich wie Brüder und Schwestern, getragen von einem gemeinsamen Vertrauen.
Es war ein Erlebnis voller Musik, Tanz und Begegnungen. Wo man auch hinsah, standen Menschen, die gemeinsam sangen, tanzten, lachten – viele von ihnen kannten sich vorher nicht. Und doch war da kein Fremdsein. Ein italienisches Gitarrensolo an einer Ecke, ein mexikanischer Gruppentanz an der anderen, ein Paartanz aus Österreich mitten auf dem Weg.
Ich erinnere mich, wie ich mich einmal einfach umdrehte und eine Gruppe Jugendlicher ein Selfie machte. Ich ging hin und stellte mich einfach dazu und sie freuten sich, dass ich mit auf dem Bild war. Nicht weit davon spielte jemand Volleyball, und wer mitspielen wollte, tat es einfach. Bis zum Horizont sah man Menschen, die die Gegenwart des anderen genossen.
Mädchen (USA)
Inmitten dieser Fülle saßen wir irgendwann am Rand der Straße, es war spät vielleicht zwei Uhr morgens. Die Müdigkeit kam langsam, doch keiner wollte schlafen. Plötzlich tauchte eine Gruppe von vier Spanierinnen auf. Sie sahen unsere Gitarre und fragten, ob sie sich zu uns setzen durften. Natürlich und bald darauf stimmten wir gemeinsam Lieder an. Kurz danach kamen ein junger Mann aus Mexiko und ein Mädchen aus den USA dazu. Aus einem stillen Beisammensitzen wurde wie von selbst ein Kreis, in dem Menschen aus aller Welt gemeinsam sangen. Kein Plan, keine Sprache, keine Vorgabe, sondern nur Stimmen, ein Lied, ein Moment.
In dieser Nacht war alles spürbar, was das Jubiläum für mich bedeutete. Dass man dem anderen mit Vertrauen begegnet, ohne ihn zu kennen. Dass man seinen Platz findet, auch ohne ihn zu suchen. Dass aus fünf Fremden fünf Freunde werden können, in einem Lied, in einem Lächeln, in einem „Setz´ dich doch dazu“.
Am nächsten Morgen ging die Sonne auf über Rom, über eine Wiese voller junger Menschen, die sich nicht kannten und sich dennoch wie der Familie begegnet waren. Und ich wusste: Das, was wir hier erlebt haben, ist nicht vorbei. Es geht weiter. In mir. In uns. In jedem, der dort war.
Text und Fotos: Samuel Meyer