Glücks-Momente

Die Idee stammt von Gabriele Böhlke (Münster). Es geht ihr darum, „eigene Erlebnisse“ miteinander zu teilen.
Wir haben daher auf unserer Homepage die Rubrik „Glücks-Momente“ eingerichtet. Wer mitmachen möchte, schickt seine Geschichte per Mail an: mops@fokolar-bewegung.de 
Gabriele Böhlke: „Wir werden so erkennen, dass sich diese herrlichen kleinen Wunder überall ereignen, mitten in unserem unspektakulären Alltag“.

Lara

Ich sitze im Bus und schaue ein wenig aus dem Fenster. In meiner Nähe sitzt eine Junge Frau mit großen Kopfhörern auf den Ohren. Irgendwann treffen sich unsere Blicke, und sie nimmt die Kopfhörer herunter und beginnt ein Gespräch mit mir; Smalltalk zuerst, über den Herbst, die fallenden Blätter, die zunehmende Dunkelheit, über den Kreislauf von Werden und Vergehen. Dann sagt sie: „In meiner Familie bin ich die Einzige die an Gott glaubt.“ Ich bin sprachlos. „Dann haben Sie irgendwann eine ganz persönliche Entscheidung getroffen, auch wenn Ihre Umgebung das nicht verstehen kann. Da ist etwas sehr Wichtiges in Ihrem Leben passiert.“ Sie nickt, und ich bemerke jetzt auch das kleine goldene Kreuz, das an einer Kette um ihren Hals hängt. Es entsteht ein kurzes, sehr intensives Gespräch, in dem ich ihren Namen, Lara, erfahre. Leider muss ich an der nächsten Haltestelle aussteigen. „Nein“, sagt sie, „steigen Sie noch nicht aus. Es ist gerade so schön.“ Wir schaffen es noch gerade die Telefonnummern auszutauschen. Sie arbeitet bei einer Wolbecker Firma.

Wir sind per WhatsApp in Kontakt gekommen, aber dann wirkte sie sehr gestresst und schrieb von Problemen in der Familie. Sie will sich später bei mir melden. Ob es dazu kommt? Ich denke an sie; würde mir wirklich wünschen, dass das Gespräch fortgesetzt wird.  Jetzt kann ich es nur Gott anvertrauen.

Text: Gabriele Böhlke | 2025

Das kleine rote Herz unter der Bahnhofsbank

Der Nachtzug aus Amsterdam hat Verspätung – sehr viel Verspätung. Die Füße sind längst eiskalt, der hochgeschlagene Mantelkragen versucht die Ohren zu schützen, die Putzmaschine der Spätschichtkolonne zieht immer engere Achten um mich herum, einzelne Nachtschwärmer eilen zu den letzten Vorortzügen. Eine Mädchen-Clique taumelt grölend durch die Halle; die sich überschlagenden Stimmen sind noch lange zu hören.

Für den verspäteten Nachtzug aus Amsterdam wird eine weitere Verspätung angekündigt. Um die Füße bei Laune zu halten, tigere ich am Bahnsteig auf und ab. Ein paar junge Männer trinken Bier aus Dosen und ereifern sich türkisch. Keine einzige Frau weit und breit, der Zeiger der Bahnhofsuhr scheint eingefroren.

Und dann kommt er, wirres Haar, Jogginghose, die Kapuze des Hoodies tief ins Gesicht gezogen, jung noch, fast zahnlos, auf Gehhilfen gestützt. Und ich weiche aus, schau ihn nicht an – besser nicht.

Er setzt sich auf die Bank und starrt in das Gleisbett, und murmelt vor sich hin. Meine Gedanken sind bei ihm. Was macht er hier mitten in der Nacht, viel zu leicht bekleidet, so dürr wie er ist. Erst spüre ich seinen Blick, dann fängt mich die Frage ein:

Wollen Sie nach München?

Ja, nach München. Warten Sie auch auf den Nachtzug?

Ja, ich muss nach Mannheim – Gerichtsverhandlung – Unfall –Beine kaputt. Kein Urlaub, muss sofort wieder zurück.

Wir sind im Gespräch. Es sprudelt aus ihm heraus. Viel hat er erlebt. Und langsam werden die Füße warm, und der Zeiger der Bahnhofsuhr taut auf.

Der verspätete ICE nach München erhält Einfahrt, und ich bin schon ein paar Schritte entfernt, als er mich ruft. Halt – einen Moment. Ich hab‘ da etwas für Sie.

Unter der Bahnhofsbank hat es die ganze Zeit gelegen, ein kleines rotes Herz, vielleicht von einem Kinderarmband. Nun hält er es in der kalten Hand und streckt es mir entgegen: Danke. Und ich nehme es mit, und es wärmt mir die Nacht, und ich hoffe, dass es gut läuft in Mannheim am nächsten Tag.

Text: Gabriele Böhlke | 2021