"Lila Elefant im Raum": Sprachlosigkeit überwinden
Die Synode der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) in Dresden beschäftigte sich jüngst mit dem Thema. Die Katholische Kirche ebenfalls. Auch Kultureinrichtungen und Sportverbände kommen nicht länger darum herum. Es geht um sexualisierte Gewalt.
Christoph Sibbel (Oldenburg), Tobias Klodwig (Münster) und Ulrike Schulze Hobeling (Warendorf) (v.r.n.l.) berichten davon, wie sie die Sprachlosigkeit diesbezüglich angegangen sind.
„Es war wie so ein lila Elefant im Raum“, beschreibt Tobias Klodwig die Situation, die durch zwei Fälle in der Region, in die Fokolar-Priester verwickelt waren, entstand. Ein Graben zwischen den Priestern und zahlreichen Angehörigen der Fokolar-Bewegung tat sich auf.
Als mit Dr. Andreas Tapken (Oberhausen) ein Psychologe und Coach als Mediator gewonnen wurde, kam ein erstes Gespräch zwischen Laien und Priestern zustande, dem ein zweites folgte.
„Es war wichtig“, berichtet Christoph Sibbel, selbst als Pfarrer tätig, „die verschiedenen Perspektiven einzunehmen, besonders die der Opfer.“
So reich und wertvoll verzeihen können sei, vorschnelle Rufe danach, dass die Opfer den Tätern verzeihen sollten, erteilte Ulrike Schulze Hobeling eine klare Absage: „Heute weiß man, dass gerade in Missbrauchsfällen ein zu schnelles Verzeihen den Opfern eher schadet.“ Wenn man zu schnell verzeihe, könne die- oder derjenige den Kontakt mit sich selbst, mit der eigenen Wunde und den eigenen, echten Gefühlen verlieren. Die Folge sei, dass sich die Wunde im Unterbewusstsein verankern könne. „Die Wunde kann später“, so Schulze Hobeling weiter, „in ganz unerwarteten Momenten plötzlich aufbrechen.“. Manchmal würden die Betroffenen gar nicht erkennen, woher die Verzweiflung, eine schwere Krise oder sogar eine Krankheit herrührten.
Erst nach einer wirklichen Verarbeitung und intensiven psychischen Begleitung könnten viele der Opfer selbst anschauen und herausfinden, was für sie möglich und hilfreich sei – und wann. Auf keinen Fall könne Verzeihen von außen eingefordert werden.
Ein weiterer Aspekt ist das Verhindern von Machtmissbrauch. „Ich habe Menschen erlebt, die mir sehr wichtig sind,“ berichtet Ulrike Schulze Hobeling, „die unter Machtmissbrauch extrem gelitten haben.“
Sie werde sich entschieden dafür einsetzen, damit dies künftig niemandem mehr passieren müsse. An die rund 100 Gäste gewandt schloss sie mit den Worten: „Wir könnten alle miteinander aufmerksam sein – besonders in Beziehungen, in denen Abhängigkeiten bestehen, um Machtmissbrauch möglichst zu verhindern.“