Gawain und der Wunsch der Frauen
„Am nächsten Morgen ritt der König mit all seinen Rittern in den Wald von Inglewood, zur Jagd, wie er sagte, nur er selbst und Gawain wussten den wahren Grund. Auf dem Baumstumpf zwischen der kahlen Eiche und der Stechpalme mit den roten Beeren saß in ihrem roten Kleid die hässliche Dame. „Seid gegrüßt, König Artus“, rief sie ihnen entgegen, „und auch Ihr, edle Ritter!“ …
Die Männer lachten, doch Gawain brachte sie zum Schweigen: „Das ist nicht lustig, Herr Kaye, Ich bitte Euch, seid still und verspottet diese Dame nicht, denn der König hat ihr versprochen, dass einer von uns sie heiraten wird.“
Da wurden die Ritter sehr still … . Schließlich war noch Gawain bei Artus geblieben, und der König starrte stumm auf den Hals seines Pferdes. Gawain seufzte leise, dann aber schwang er sich aus dem Sattel. „Niemand soll denken, dass König Artus sein Versprechen nicht hält,“ sagte er.
Er kniete vor dem roten Dame nieder und küsste ihre Hand: „Herrin, ich kenne Euren Namen nicht, aber ich bitte Euch: werdet meine Frau!“ Ihr schiefer Mund lächelte: „Dazu sag‘ ich gerne Ja, und mein Name ist Ragnell.“
Da setzte Gawain sie vor sich auf sein Pferd und ritt mit ihr zurück ins Schloss von Carlisle, und dort wurde noch am gleichen Tag die Hochzeit gefeiert … .
Spät am Abend führte man das Brautpaar dann ins Brautgemach, die Tür wurde hinter ihnen geschlossen und sie waren zum ersten Mal allein. „Heute ist unser Hochzeitstag, Herr Gawain “, sagte Ragnell, „und Ihr habt mir noch keinen Kuss gegeben, ja, mich nicht einmal angeschaut. Bin ich so abgrundtief hässlich?“
Gawain zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. „Gott behüte, Herrin, so etwas dürft Ihr nicht denken.“ „Dann küss mich!“, forderte sie.
Gawain trat auf sie zu und umarmte sie, er schloss die Augen und küsste ihre Lippen. Aber ihr Mund kam ihm dabei gar nicht so schief vor. Und als er die Augen wieder öffnete, da lag in seinen Armen die schönste junge Dame, die er je gesehen hatte. „Erlöst!“, jubelte sie und lachte über sein verblüfftes Gesicht, „jetzt hast Du den halben Fluch gebrochen, mit dem mich meine Stiefmutter verwünscht hat. Nun darf ich die halbe Zeit meine Schönheit behalten, am Tag oder in der Nacht. Also entscheide, soll ich am Tag, im Sonnenlicht, vor allen Leuten, oder nachts im Mondschein in unserer Kammer eine alte Hexe sein?“
„Das ist schwer,“ sagte Gawain, der auch gar nicht wusste, wie ihm geschah. „Aber ich glaube, lieber hätte ich Deine Schönheit nachts für mich allein.“
Sie wandte sich ein wenig ab. „Und tagsüber soll ich mich verstecken? Darf ich mich nie erhobenen Hauptes unter den anderen Damen zeigen? Muss ich immer ertragen, wie die Männer über mich lachen – mir ins Gesicht oder hinter meinem Rücken? Wie sich meine Hässlichkeit in ihrem Abscheu spiegelt?“
„Verzeih, Liebste,“ sagte Gawain, „ich habe nicht genug darüber nachgedacht. Entscheide Du. Wie du es willst, so soll es sein!“
Da fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn wieder und wieder: „Jetzt hast Du den ganzen Fluch gebrochen, und ich darf bei Tag und bei Nacht so schön sein, wie du mich jetzt siehst. Denn Du hast mir geschenkt, was jede Frau sich mehr als alles andere wünscht: ihren eigenen freien Willen.“
Nach der englischen Versdichtung: The weddynge of Sir Gawen and Lady Ragnell, um 1450 | Erzähl-Bearbeitung: Heinrich Dickerhoff, Königsfurt 2007 | Wir danken Heinrich Dickerhoff für seine Erlaubnis, den Text im MOPs-Newsletter zu veröffentlichen.
An diese Geschichte, die Märchenerzähler Heinrich Dickerhoff einst bei einem Pfingsttreffen der Fokolar-Bewegung in Stapelfeld erzählte, erinnert sich Vân Meyer bei unserem MOPs-Regio-Team-Treffen in Haltern (14.-16.03.25).
Es geht darin vor allem um die Frage: „Wie möchte ICH leben?“ Die Antwort: selbstbestimmt.
SELBST-BESTIMMT statt FREMD-BESTIMMT: Genau darum soll es beim REGIONAL-FORUM – am Samstag, den 21. Juni – gehen. Es ist die Fortsetzung unserer Zukunfts-Werkstatt vom vergangenen Jahr – und somit unsere „Zukunfts-Werkstatt 2.0“.